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Leher Geschichten: Die starken Werftarbeiter Inhalt
erzählt von meinem Vater Harry Ehlers, geb. 1921 in Wesermünde:

Hafen-, Ecke Kistnerstraße (Postkarte 1906) 
Hafen-, Ecke Kistnerstraße mit Pferdebahn (Postkarte von 1906; Elekrifizierung 1908)


Es muss wohl ungefähr 1931/32 gewesen sein, als wir eines Tages auf einmal Lärm- und Hilferufe von der Hafenstrasse hörten. Meine Eltern liefen sofort auf die Straße, um zu sehen was passiert war.

Ich als kleiner Junge hingegen, musste oben in der Wohnung bleiben. Sofort holte ich mir einen Hocker, um das Geschehene vom Fenster aus zu beobachten. Was war das für ein Lärm und Geschrei dort unten! Die Leute liefen hin und her und irgendwie begriff ich, dass dort ein Unfall mit der Straßenbahn passiert sein musste. Es war wohl so, dass jemand von der Straßenbahn überfahren worden war, man aber nicht helfen konnte, weil niemand an den auf der anderen Straßenseite gegenüber dem Bekleidungsgeschäft liegenden Verletzten herankam. Der einzige, der sofort das Richtige tat war Herr von der Heide. Der rannte so schnell er konnte zur Unterweser-Werft, die ca. 600 m von der Kreuzung entfernt war, um dort Hilfe zu holen.

Und es kam Hilfe. Im Laufschritt kamen wohl ca. 50 Werftarbeiter zur Unfallstelle und hoben
mit gemeinsamer Kraft den Straßenbahnwagon so hoch, dass man das Unfallopfer bergen konnte. Da erst konnte ich sehen, dass es sich um ein kleines Mädchen handelte, das überfahren worden war.

Meine Eltern, die zu der Zeit, die einzigen in der Umgebung waren, die ein Telefon besaßen, hatten sofort bei der Polizei angerufen (einen Notruf gab es damals wohl noch nicht) und den Unfall gemeldet. Nach kurzer Zeit kam dann auch ein von zwei Pferden gezogener Wagen, der als Krankenwagen diente. Dieser brachte das kleine Mädchen ins Krankenhaus. Wie es dann weiterging, ob das Mädchen wieder gesund wurde oder nicht, das habe ich nie erfahren. Aber ich musste oft in meinem Leben daran denken, was man schaffen kann, wenn alle zusammen mit anpacken und nur ein Ziel verfolgen. Hier hatten die Werftarbeiter wahrscheinlich gemeinsam ein Leben gerettet.

© Brigitte Ehlers 2010

 
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